Blue Waves

Blue Waves

Transkript

Zurück zur Episode

00:06:22: Marie: Hallo und herzlich willkommen zu Blue Waves, dem Podcast für die Bau und Immobilienwelt. Heute nehmen wir Sie mit in die Zukunft des Bauens. Ganz konkret nach Stuttgart-Vaihingen. Denn dort entsteht mit „THE NEW 22 ” nicht nur ein neues Bürogebäude, sondern das erste Bauvorhaben in Baden-Württemberg nach dem Prinzip des Gebäudetyps E. Und deutschlandweit handelt es sich sogar um bislang den größten Bürokomplex, bei denen der zukunftsgerichtete Ansatz verfolgt wird. Das E steht für einfach, effizient und experimentell. Dieser Ansatz soll es vor allem ermöglichen, von den sehr umfangreichen Standards und Vorschriften im Baubereich abzuweichen, um Freiraum für innovative Ansätze zu finden, die bezahlbares und nachhaltiges Bauen ermöglichen. Und ich spreche darüber heute mit zwei Gästen, die das Projekt wirklich von Anfang an begleitet haben, nämlich Steffen Szeidl, unser Vorstand bei Drees & Sommer, und Thomas Berner, Associate Partner und Projektleiter von THE NEW 22. Hallo Steffen, hallo Thomas, schön, dass ihr heute bei uns im Podcast zu Gast seid.

01:10:00: Steffen + Thomas: Hallo! Schön, dass wir da sein dürfen.

01:13:06: Marie: Ja, ihr beiden, bevor wir ins Thema einsteigen oder auch in unser Firmengebäude eintauchen, würde ich gerne ein bisschen was Persönliches von euch erfahren. Steffen, wenn du dir jetzt mal vorstellst, THE NEW 22 wäre ein Filmcharakter, wäre es eher der visionäre Superheld, der alles neu denkt oder eher der clevere Architekt, der aus alten Materialen ein neues Meisterwerk zaubert?

01:39:00: Steffen: Na, ich glaube, ich würde da erst mal ein bisschen tiefer reingehen. Für mich wäre es vielleicht eher beim Film Miss Undercover. Warum das? Weil von außen vielleicht eher ein bisschen gewöhnlich. Die Besonderheiten oder die Innovationen, die sind erst auf den zweiten Blick erkennbar. Das hatten wir auch beim letzten Gebäude so verfolgt mit unserer OWP12 und ja, sag mal, erst beim zweiten Blick zeigen sich diese Themen. Von daher wäre das mein Filmtitel.

00:02:09: Marie Eine schöne Analogie, die du da geschaffen hast. Thomas, Steffen hat gerade schon die OWP12 angesprochen, unser letztes neues Firmengebäude. Auch da warst du schon als Projektleiter beteiligt und das war und ist ja ein Plus Energie Haus und hat schon ziemlich einen Meilenstein gesetzt, würde ich mal sagen. Was nehmen wir denn davon als Schwung mit für THE NEW 22?

02:29:00: Thomas: Nun, das Gebäude, Obere Waldplätze 12 war ja ein Innovationsprojekt, war auch so konzipiert, wo wir an vielen Stellen und einzelnen Bereichen in die Zukunft schauen wollten bzw. natürlich neue Themen für zukünftige Bauvorhaben entwickeln wollten. Als Beispiele können wir natürlich die modular industriell vorgefertigten Module der technischen Gebäudeausrüstung oder auch unsere nur 90 Millimeter starke Hochleistungsfassade nennen. Alle gebauten Beispiele haben sich in den letzten drei bis fünf Jahren in der Immobilienwelt etabliert. Wir haben echt einen Meilenstein dort gesetzt und jetzt wollen wir diese Innovationsbereitschaft und auch den unbedingten Willen, was Neues zu entwickeln, in die aktuelle Planung mitnehmen. Jedoch nicht nur auf diese einzelnen Elemente oder Materialien gedacht, sondern global ein ganzes Gebäude diesen Anforderungen unterwerfen.

03:24:00: Das heißt, wir gehen da wirklich den nächsten Schritt und sind wie immer getrieben von Innovation, von Nachhaltigkeit und natürlich auch vom Stichwort Digitalisierung und wollen es besser machen, um auch die optimalen Lösungen dann für unsere Kunden zu finden. Lass uns aber noch mal ein bisschen vorher einsteigen, und zwar mit dem Thema: Warum ist es eigentlich zu dieser Entscheidung gekommen - wir wollen ein neues Gebäude bauen? Steffen, Wachstum ist natürlich ein großes Thema bei Drees & Sommer. Aber was bedeutet es ganz konkret und warum habt ihr euch für dieses neue Gebäude entschieden und vor allen Dingen auch die Entscheidung getroffen, es nach dem Gebäudetyp E zu bauen?

03:59:00: Steffen: Das eine ist natürlich erst mal den Platzbedarf, den wir hier an unserem Campus in Stuttgart haben. Wir haben ja hier bereits mehrere Häuser, jetzt schon deutlich über 1000 Kolleginnen und Kollegen am Standort und sehen natürlich auch dann, wie es jeder in seinem Betrieb macht. Wir werden Wachstum haben, auch die nächsten Jahre. Und von daher müssen wir natürlich auch Arbeitsflächen zur Verfügung stellen oder Arbeitsmöglichkeiten. Da gehören Meetingräume mit dazu. Da gehört aber auch irgendwo Silent Working mit dazu. Da gehören Austauschformate mit dazu. Und wir haben natürlich dann überlegt, was und wie können wir tun und haben dort schon vor längerer Hand, Thomas und ich, eigentlich Flächen gekauft, wo wir gesagt haben, das kann später mal was werden. Und dann war eigentlich die Thematik ja, wir brauchen diese Flächen, wir haben auch noch angemieteten Flächen, wir haben also einen Mix aus das, was besitzen wir selbst als Drees & Sommer und angemieteten Flächen und diesen Mix wollen wir auch weiterhin halten. Und andererseits ging es auch darum, das, was wir bei unseren Kunden machen, bei uns selbst zu zeigen und anzuwenden. Und das geht deutlich einfacher, gerade wenn man im Innovationsbereich ist, wenn wir quasi alles aus einer Hand bringen. Wir sind der Planer, wir sind der Nutzer, wir sind aber auch der Eigentümer. Und nach diesem Modell wollte man wieder vorgehen. Die politische Situation ist ja überall so, dass viele schon sagen, na ja, 20.000 Normungen wie sollen mit dem Thema umgehen. Das Bauen ist viel zu teuer. Und wir haben uns dann überlegt, ja, jetzt können wir lange schimpfen über die Politik und über die Behörden und wir kommen aber keinen Meter weiter. Und die Idee war, wir könnten doch hier, wenn wir das gemeinsam mit den Behörden hinbekommen, neue Wege gehen und sagen was hinterfragen wir? Wir haben das eigentlich dreigeteilt. Der eine Teil, die Sachen können wir verändern, ohne dass wir irgendeine Norm oder so was verletzen. Der zweite Teil sind dann Prozesse, die wir gemeinsam mit den Genehmigungsbehörden gehen können und Änderungen zur heutigen Genehmigungspraxis um- und durchsetzen. Und der dritte Teil, den ich immer so ein bisschen Leib und Leben, an dem man da schwierig dann irgendwo ran kann, wo man aber perspektivisch natürlich in Deutschland sich auch mal hinterfragen muss: ist dort alles richtig? Und das war eigentlich die Grundmischung. Dann gehen wir in Gebäudetyp E auf Bundesebene, auf Landesebene, auf kommunaler Ebene haben wir dafür geworben und das dann jetzt gesetzt für uns, für das neue Gebäude. Die einfachste Variante wäre gewesen, wir hätten einfach die OWP12 noch mal genauso nebendran gestellt. Für einen Projektentwickler wäre das vielleicht spannend, aber wir wollen schon dort auch Markt machen, Innovationen umsetzen und beweisen. Und das ist auch das, wofür die Drees & Sommer Gruppe steht. Von daher wir bauen das, wofür wir eigentlich auch stehen.

06:33:00: Marie: Thomas, du hast jetzt schon mal, wie gesagt, was gebaut, wofür wir stehen. Jetzt das nächste große Projekt. Wir haben jetzt schon ganz oft gesagt Gebäudetyp E, ich glaube natürlich auch unsere Zuhörenden haben es schon häufig in den Nachrichten mitbekommen. Aber hilf uns doch noch mal ganz kurz zu verstehen Was genau steht hinter dem Begriff und was bedeutet es vor allen Dingen auch für die Baubranche?

06:53:00: Thomas: Nun, das ist sicherlich die Fragestellung, wo die Beteiligten der Immobilienwelt mit am meisten aktuell umtreibt. Ganz wichtig: die einfache Deutung „E, wie einfach“ bedeutet, Dinge wegzulassen, ist nicht korrekt und führt auch zu keinem Ergebnis. Es ist wie Stefan eben schon sehr deutlich gehoben hat: es ist die Aufgabe eines vielschichtigen Teams, Planungsgrundlagen und auch bislang gesetzte Anforderungen zu hinterfragen, ob diese wirklich benötigt werden oder auch aufgrund von Rahmenbedingungen oder Anforderungen umgesetzt werden müssen bzw. natürlich auch weggelassen werden können. Und das ist unser Job aktuell zu hinterfragen, zu prüfen, was ist denn wirklich sinnvoll?

07:38:00: Steffen: Für ein Beispiel, was wahrscheinlich jeder auch unserer Zuhörer nachvollziehen kann. Wir haben ein Mietshaus und wir gehen runter in den Keller. Der Keller, da bin ich 20 Minuten im Monat, um quasi meinen Karton reinzustellen oder meine Winterreifen rauszuholen. Die Keller sind heute gefliest, die Wände sind verputzt und gestrichen. Ob das für diese 20 Minuten notwendig ist? Wir würden uns sagen, wenn es nicht gefliest ist, ein Arbeitsgang sparen. Wir haben vielleicht nur einen Betonboden, der gestrichen ist. Wir würden uns zwei Arbeitsgänge mindestens in den Wänden sparen und wahrscheinlich würde der Normale, der nicht fachkundig ist, gar keinen großen Unterschied feststellen. Das ist für mich so ein klassisches Beispiel, von dem, was auch Thomas beschrieben hat: Was weglassen, was mittlerweile zum Standard geworden ist und man eigentlich gar nicht mehr so richtig auf den ersten Blick wahrnimmt.

00:08:23: Marie Und jetzt klingt es ja in der Theorie erst mal ganz spannend zu sagen: ich lass Sachen weg, die es vielleicht nicht unbedingt braucht, damit das ganze günstiger wird, auch bezahlbarer wird, trotzdem natürlich sicher. Ich würde mir das aber gern vorstellen. Jetzt ist es aber alles ja noch, ich sage jetzt mal, graue Theorie. Steffen, wenn ich irgendwann über den Campus in Stuttgart-Vaihingen laufe von Drees & Sommer, wie muss ich mir das denn vorstellen? Was erwartet mich, wenn ich auf das Gebäude zulaufe oder aber auch reinlaufe?

08:51:00: Steffen: Ja, wir sind erst mal in Stuttgart-Vaihingen, wenn man so will, Stadtrandlage. Es ist sehr viel Grün dort außen rum. Wir laufen an unseren bestehenden Gebäuden vorbei und kommen dann eigentlich auf unser neues Gebäude, THE NEW 22, zu. Das Gebäude ist erst mal kantig, ähnlich wie die OWP12 nebendran, um die Formensprache aufzunehmen. Aber sie ist auch transparent. Wir sehen quasi die verschiedenen Nutzungen aufgrund unterschiedlicher Fensterformate schon von außen und haben damit schon mal einen Eindruck, was denn da drin passiert. Wir sehen große Räume, wir sehen Treppen dort irgendwo durch. Wir sehen aber auch quasi den klaren zentralen Eingang, gehen dort rein. Dort ist der Tresen mit einem oder einer Drees & Sommer Kolleg:in, die uns erst mal begrüßt und dann eigentlich uns leitet. Wir haben das ganze Erdgeschoss, was ein großer Konferenz- und Versammlungsbereich ist für interne Meetings, aber eben auch für viele externe. Wir haben dort den kleinen Barbereich auch, wo auch abends entsprechende Nutzungen stattfinden können mit Kolleginnen und Kollegen, aber eben auch mit extern. Ein Highlight ist dann natürlich direkt hinter dem Tresen geht es nach oben über alle Geschosse durch, wenn man so will, eine Freitreppe, die auch ihre Formen verändert. Ich kann dort auf größeren Stufen sitzen, ich kann auf kleineren gehen, ich werde quasi durch das Gebäude über alle Geschosse nach oben geleitet. Erstes, zweites, drittes Geschoss sind quasi, wenn man so will, normale Büroflächen. Aber es sind eben Bürolandschaften, in denen sehr unterschiedliche Möglichkeiten bestehen, wie ich dort arbeite. Es gibt sowohl den Rückzugsort als auch den, im großen Team gemeinsam zu arbeiten. Wir werden digitale Räume haben, wir werden Versuchslabore dort haben und alles, aber auch sowohl den Blick von außen nach innen als auch natürlich von innen nach außen. Und das Highlight, wenn wir dann die Treppe nach oben ankommen, dann haben wir auf der obersten Etage eben auch noch eine Dachterrasse, um auch hier rauszutreten in dem Gebäude, den schönen Innenraum auch mal zu verlassen, nach draußen zu treten. Wir haben aber auch den Blick innen drin nach unten und haben so quasi auch ein bisschen die grünen Flächen, die draußen sind, nach innen in dieses Gebäude gezogen.

10:57:00: Marie: Also ich sehe auf alle Fälle schon den Streit losgehen, wer in dem neuen Büro sitzen darf von den über 1000 Mitarbeitenden am Standort aber dafür werden wir sicherlich eine Lösung finden. Thomas, welche Standards werden denn jetzt mit dem Gebäudetyp E ganz konkret hinterfragt und welche Herausforderungen, aber auch Chancen bringt dieser Gebäudetyp mit sich?

11:19:00: Thomas: Nun, wir sind mit den Planungen natürlich erst gestartet und die prozessuale Aufbereitung hat jetzt erst begonnen. Wichtig für uns ist die klare Haltung und die Definition, dass wir Brandschutztechnische Anforderungen und Bedingungen aus der Standsicherheit aktuell nicht in Frage stellen. Auch wichtig, weil das sehr viel diskutiert wird, aktuell in der Immobilienwelt. Aber um ein gut greifbares und auch viel diskutiertes Beispiel einmal zu skizzieren, denken wir an den Bodenaufbau einer standardisierten Bürofläche. Herkömmlich würde man jetzt von einer tragenden Deckenkonstruktion ausgehen und darauf aufsetzen, mit einem Hohlraumboden oder auch mit einem schwimmenden Estrich, um auch Installationen im Boden möglich zu machen. Aber die Denke kommt ja aus einer früheren Zeit, wo wir die ganzen Bodenaufbau, die Hohlräume benötigt haben, um unsere Arbeitsplätze zu erschließen, auch zu erschließen mit LAN-Verkabelung für unsere Computer, die dort stehen. Wir haben heute keine LAN-Verkabelung mehr, wir arbeiten im WLAN-System. Wir gehen davon aus, dass wir mittelfristig auch die elektrotechnische Ausstattung auf Niedervoltsystemen haben werden. Und dementsprechend haben wir diese Anforderungen gar nicht. Wir bauen also den Aufbau, der sich nur noch ableitet aus der Trittschallanforderung aus dem Schallschutz. Dort gibt es Normungen definiert, auch niedergeschrieben, und die wollen wir angehen. Was brauchen wir wirklich? Weil wenn wir auf diese ganze Bodenaufbauten verzichten können, haben wir die Lasten nicht, haben wir viel geringere Deckenstärken, haben wir die Höhenentwicklungen der Gebäude nicht und dort müssen wir angreifen: Ressourcen sparen, Ressourcen schonen, schneller bauen, günstiger bauen, denn dort kommt alles zusammen. Die Themen treiben wir aktuell für uns im Team und das ist ein gut greifbares Beispiel, wo sich jeder auch was drunter vorstellen kann.

13:13:00: Marie: Steffen, wie passt denn jetzt THE NEW 22 zu unserer Vision von einer lebenswerten Zukunft, auch unseren Unternehmenswerten, weil das ist ja bei einem Firmengebäude auch ein ganz, ganz wichtiger Aspekt.

13:24:00: Steffen: Wir sind Innovationsführer in unserer Branche. Da kann man sich nicht drauf zurücklehnen, sondern da gilt es auch dranzubleiben, neue Themen zu bringen. Deswegen haben wir ganz viele Innovationen technischer Art in diesem Gebäude. Der zweite Aspekt ist das Thema Nachhaltigkeit. Auch da haben wir gerade auf das Thema Energie einen großen Schwerpunkt gelegt. Also wie schaffen wir wieder ein Plus Energie Haus, diesmal mit anderen Techniken? Wie gehen wir aber auch auf Materialität ein? Dort wollen wie einen ganzen Rutsch weitergehen, als das mit der OWP12 der Fall war, also mit unseren Bestandsgebäuden, die hier momentan noch stehen und den Rückbau dazu, aber auch mit Materialität, die im Neuen eingesetzt werden. Wie sind die Rückbau, wie schaffen wir dort Cradle to Cradle Kreislauf? Und last but not least das Wichtigste für uns sind eigentlich, wenn man so will, der Mensch, die Kolleginnen und Kollegen, die bei uns arbeiten. Wir haben keinen Produktionsbetrieb oder ein Produkt. Von daher ist auch ganz wichtig, viel Qualität zu liefern als Arbeitsplatzmöglichkeiten über digitale Ausstattung, über auch Wohlfühlen in diesem Büro und diese ganzen Aspekte haben wir bereits jetzt in der Planung mit drin.

14:32:00: Marie: Jetzt ist es ganz wunderbar beschrieben aus Vorstandssicht würde ich sagen. Wie ist es denn aus deiner ganz persönlichen Sicht, was macht THE NEW 22 für dich besonders?

14:44:00: Steffen: Das eine habe ich ja vorhin schon gesagt: Ich freue mich natürlich auf diese Dachterrasse, weil wir haben zu wenig Flächen bisher in Stuttgart, wo man auch wirklich nach draußen kann. Das andere ist für mich schon auch das, was Thomas auch beschrieben hat. Wir haben die Chance, hier Standards zu verändern. Wir können hier neue Innovationen reinbringen und können ein Projekt kreieren, das nicht nur für sich alleine steht und dann vielleicht ein tolles Leuchtturmprojekt ist, sondern das abfärbt auf andere. Weil wenn wir hier Standards verschieben oder neue kreieren, dann können die in ganz, ganz vielen anderen eingesetzt werden. Das ist schon das, was mich hier auch besonders antreibt. Wir haben die Besonderheit hier, dass wir das Ganze mit 100% Drees & Sommer machen. Also alle Leistungsdisziplinen, die es dazu gibt, haben wir inhouse. Und wir haben die glückliche Fügung, dass wir hier Nutzer, Eigentümer und auch Planer sind. Und das heißt, wir haben damit natürlich auch mehr Möglichkeiten als das vielleicht in einem klassischen Auftragnehmer-, Auftraggeber- und Endinvestor-Modell der Fall ist.

15:43:00: Marie: Das ist ja auch was, was ihr bei der OWP12 schon so hattet als Fall, Thomas, dieses quasi diese Dreifachrolle würde ich es mal nennen. Was ist denn das Besondere daran und was ist auch der Vorteil daran? Und wie können dann davon wiederum unsere Kunden lernen, Thomas?

16:01:00: Thomas: Ja, die Dreifachrolle war in der OWP12 noch eingeschränkt, weil wir die Objektplanung, die Architektur noch nicht inhouse gemacht haben. Wir haben zwischenzeitlich uns so weiterentwickeln dürfen, dass wir auch hier sogar in der Lage waren, einen internen Architektenwettbewerb auszuloben. Mehrere Drees & Sommer Teams sind gegeneinander angetreten, um den für uns wirklich sinnvollsten, schönsten und auch innovativsten Entwurf herauszufinden. Das macht uns bereits wirklich ein bisschen stolz. Aber um konkret auf deine Frage einzugehen: ja, wir müssen das bestehende Baurecht beachten und das Baurecht können wir einfach nicht eliminieren. Wir können es auch nicht wegloben, auf Schwäbisch gesagt. Wir haben rechtliche Abhängigkeiten bei einzelnen Planungsdisziplinen zum Nutzer, zum Mieter, zu den ausführenden Firmen, aber natürlich auch zum Auftraggeber und zum Eigentümer. Wir haben hier die einmalige Chance, dass Drees & Sommer diesem Projekt alle maßgeblichen Planungsdisziplinen den Mieter, den Nutzer und den Eigentümer/Auftraggeber stellt. Und wir binden zur Bauumsetzung wirklich etablierte Partner von uns ein, um wirklich auf ehrlich, auf Augenhöhe miteinander arbeiten zu können. Das müssen wir auch, wenn wir Schnittstellen eliminieren wollen, aber auch für Sonderthemen wie in dem von dir erwähnten Gebäudetyp E die Risiken und die rechtlichen Abhängigkeiten ermitteln zu können und auch aufzuzeigen, damit wir die Erfahrungen wirklich wieder sammeln können und damit auch unsere Kunden beraten können. Weil die Kunden kommen, wollen alle Gebäudetyp E bauen und wir sind dabei, jetzt das Muster zu machen, aber wir müssen die Erfahrungen weitergeben können. Und die Erfahrungen sind, glaube ich, schon maßgeblich, um auch wieder die Innovationsbereitschaft nach außen darstellen zu können

17:49:00: Marie: Also ihr könnt ja dann auch die Learnings ganz wunderbar teilen und eben beraten, was sind sinnvolle Schritte? Und deswegen natürlich ein besonderer Case und trotzdem ein realistischer Case. Ihr habt jetzt beide schon als eine Besonderheit von THE NEW 22 das Thema Nachhaltigkeit und Innovation angesprochen, was ja eben auch zu unseren Unternehmenswerten oder zu unserer Unternehmens-DNA gehört. Lasst uns da noch mal ein bisschen konkreter reinschauen. Dort, wo der Neubau THE NEW 22 entstehen wird, steht aktuell ja ein Bestandsgebäude aus den 70er Jahren: die Oberen Waldplätze 22. Das muss nun für Neubau rückgebaut werden und dabei soll das Urban Mining Prinzip angewendet werden. Thomas, was steckt denn genau hinter dem Begriff?

18:35:00: Thomas: Das ist natürlich sehr vielsagend, aber wir für uns haben es definiert, dass Urban Mining bedeutet in diesem Zusammenhang die Wieder- und Weiterverwendung von Materialien und Bauteilen aus unserem Bestandsgebäude Obere Waldplätze 22, wo ich mich auch aktuell hier befinde. Hierbei sind eben für uns maßgeblich die rechtlichen Aspekte wie das Abfallkreislaufgesetz oder auch die Landesbauordnung eben zu beachten und dahingehend zu deuten, wie kriegen wir Urban Mining wirklich ins Laufen und in eine breite Masse gebracht?

19:11:00: Marie: Jetzt Landesbauordnung klingt natürlich direkt nach Politik. Ist beim Bauen häufig, dass Politik oder das wir an der Politik einfach nicht vorbeikommen. Was bedeutet es denn, Steffen, das Thema voranzubringen, vor allen Dingen eben auch mit der Politik zusammen? Und wie passt es dann wiederum auch zu unserer Unternehmensphilosophie?

19:30:00: Steffen: Ja, ich glaube, man muss auch noch mal unterscheiden zwischen Politik und Behörde. Politik wird an vielen Stellen ja irgendwo gemacht. Ich denke, wir sind hier vor zwei/zweieinhalb Jahren mit einer Idee gestartet. Thomas und ich sagen, jetzt müssen wir mal schauen, wie wir das umgesetzt kriegen. Das kann man nicht alleine, da gehören die vielfältigen Helfer, die Thomas schon erzählt hat, dazu, die nicht nur innerhalb der Drees & Sommer Gruppe sind, sondern die, die dann auch hier mit uns Ausführungen machen, also Partner auf Augenhöhe. Und da gehört aber vor allem auch Politik und öffentliche Hand mit rein. Wir haben Gespräche auf Bundes-, auf Landes- und auf kommunaler Ebene geführt, um quasi auch dieses Thema Gebäudetyp E voranzubekommen. Es ist immerhin das erste Bürogebäude dieser Art und Weise und da muss man auch sagen, das hat gerade dann auch die Landeshauptstadt Stuttgart hier mit uns dann erkannt, dass da eine Chance drin liegt, dieses Thema zu pushen. Wir haben alle beteiligten Ämter, die hier eigentlich jetzt auch mal nicht nur wegen diesem Gebäude da dran sind, gemeinsam mit uns diese Lösung zu finden, sondern es auch als Chance sehen dann quasi zukünftig eben auch an anderen Themen so in der Umsetzung zu bekommen. Von daher muss man sagen klasse, dass da auch unsere Idee so auf fruchtbaren Boden gefallen ist, dass man da mitzieht. Und wenn man da mal reinschaut, dann sind da natürlich einige Ämter beteiligt und das betrifft nicht nur die Landeshauptstadt, sondern dann auch noch nachgelagert Regierungspräsidium und anderes. Und fühlen wir uns auch gut betreut, dass es eben nicht nur Politik, sondern vor allem auch die, die dann Verwaltungsvorgänge einhalten müssen, die einfach auch dann freigeben müssen bzw. genehmigen. Und da sind wir auf gutem Weg und hoffen auch so, dann zur finalen Baugenehmigung und dann Inbetriebnahme Genehmigungen zu bekommen.

21:11:00: Marie: Und jetzt noch mal kurz zurück zum Thema Urban Mining. Thomas, du bist ja als Projektleiter dabei. Was machen wir denn ganz konkret? Und gibt es da schon Beispiele, wie das Thema Urban Mining als Meilenstein der Nachhaltigkeit bei THE NEW 22 umgesetzt wird?

21:28:00: Thomas: Ja, natürlich. Steffen hat es eben angesprochen. Wir sind mit Stadt und Land, also mit konkret, mit dem Regierungspräsidium, der Landesstelle für Bautechnik, auch der Landeshauptstadt Stuttgart gemeinsam eingestiegen zur Aufbereitung der notwendigen Prozesse, weil Abhängigkeiten und Lösungen kriegt man nur hin, auch für unsere Kunden nachher nach außen getragen, wenn wir einen Prozess definieren können und nicht wirklich auch im einzelnen konkreten Beispiel bleiben. Und zwar eine ehrliche Wiederverwendung. Nicht drüber reden, sondern machen. Dazu sind natürlich sehr umfangreiche Voruntersuchungen notwendig, um dann den eigentlichen Ablauf von der Ersteinschätzung einer Potenzialanalyse, einer möglichen Materialvermittlung bis zum zerstörungsfreien und auch selektiven Rückbau nachher zu ermöglichen. Wir werden sicherlich in der Zukunft unterscheiden: über was sprechen wir? Sprechen wir über sicherheitsrelevante Bauprodukte, untergeordnete Bauprodukte oder auch Elemente, wo es sich gar nicht um wirkliche Bauprodukte handelt? In der Ersteinordnung, um auf der Basis auch festlegen zu können, welcher der einzelnen Prozesse kommt denn zum Tragen? Ganz konkret, du hast es angesprochen, haben wir natürlich ein Gebäude, wo wir das umsetzen. Wir sind hierbei jetzt in der Diskussion oder haben wir jetzt auch Steffen und ich uns definiert und festgelegt. Wir werden Brandschutztüren hier wiederverwenden wollen. Wir werden System Trennwände wiederverwenden wollen. Wir denken an die vorhandenen Holzbalken der Decken, an die Holzstützen, die verbaut sind, aber auch an Leuchten, untergeordnete Akustikelemente. Und für alle diese Themen sind wir jetzt dabei, Prozesse aufzubereiten, um nachher damit auch auf unsere Kunden zugehen zu können.

23:12:00: Steffen: Wir haben natürlich ganz viele Ideen. Am Schluss haben wir auch einen Zeitplan und Kostenbudget, was wir uns gesetzt haben und wir sind in einem Innovationsprojekt - da wird nicht alles gelingen, nicht alles, was wir jetzt vielleicht im Kopf haben, nicht alles wird eine Blaupause werden, damit man das auch für viele, viele andere Gebäude einsetzt. Aber das macht es genauso auch spannend für Thomas und mich, dass wir jetzt hier gewisse Ideen haben und mal schauen, wie weit kommen wir aus genehmigungstechnischer Sicht, aus ausführungstechnischer Sicht und auch in den Randbedingungen, die wir uns hier zeitlich und auch kostenmäßig gegeben haben.

23:44:00: Thomas: Es hört sich auch alles so einfach jetzt schnell erzählt natürlich an. Wir sind ja schon ganz lange unterwegs damit. Wir werden auch noch einen langen Weg vor uns haben, wie Steffen das auch angedeutet hat. Es sind zu jedem Produkt die Hintergründe, die damalige Beschaffenheit, die notwendigen möglichen Zulassungen, im Einzelfall alles zu hinterfragen. Aber wenn wir es jetzt nicht angehen, wenn dann?

24:07:00: Marie: Ja, das hätte ich schöner nicht sagen können, Thomas. Jetzt lass uns nochmal auch das Thema Innovation angucken, denn ihr habt gerade gesagt, wir sind natürlich in einem Innovationsprojekt mit dem Gebäudetyp E auch in gewisser Art und Weise in einem Experimentierfeld. Und ihr habt beide mal das Wording geprägt, ihr wollt mit dem Gebäude die nächste Innovationsstufe zünden? Wie gehen wir dann ganz konkret mit den Innovationen bei THE NEW 22 um, Steffen?

24:34:00: Steffen: Natürlich, so die Frage, gibt es das eine Highlight? Ich würde sagen, das ist eher die Gesamtkomposition, die hier entscheidend ist bei dem Gebäude. Wir haben dort Themen, die immer noch nicht der durchgängige Standard ist, die wir bereits von unseren anderen Gebäuden übernehmen. Das ist allein: wir haben keine Schlüssel mehr, sondern im Prinzip die Zugänglichkeit über eine App geregelt. Wir haben die Thematik, die wir auch schon getestet haben, die jetzt aber noch mal weiter verfeinert wurde. Das sind unsere Leuchten, die leuchten quasi mit integrierten Bewegungsmeldern darin, die dann an und ausgehen, die aber auch Tracking können. Wir haben aber auch Themen der Energiekomposition, wo wir sagen wie spielt denn das Thema zusammen? Wir wollen hier ein Eisspeicher realisieren, was eben auch kein Standard ist, wo wir aber daran glauben, dass das Zukunftslösungen sind. Wir nehmen Photovoltaikelemente mit rein, springen da aber noch weiter, wollen in Richtung Solarthermie kombiniert mit Photovoltaik, also das sogenannte PVTs entsprechend einsetzen. Auch das Thema Holz Hybrid, das ist quasi die Grundkonstruktion. Da noch mal auch überlegt, wie kommen wir mit Modularisierung in die nächste Ebene und vor allem das, was Thomas hat schon viele Themen von der Wiederverwendung genannt. Es geht dabei natürlich auch um die neuen Materialen, die wir einsetzen. Wie weit schaffen wir es, dass wir eben nicht die Altlasten oder den Sondermüll der Zukunft produzieren mit diesem Gebäude, sondern jetzt uns schon überlegen, wie wird unser Gebäude in 50, in 80 Jahren auch mal wieder rückgebaut und in welche Kreisläufe kommen die Materialien dann? Da steckt ganz, ganz viel Thema drin und von daher wird es nicht das eine Thema geben, sondern ganz, ganz viele, die ich entdecken kann in diesem Gebäude.

26:10:00: Marie: Thomas, hast du noch so eins, was dein Innovationsherz, was ja schon durch die OWP12 geprägt ist, ergänzen würdest?

26:19:00: Thomas: Ja, ich nehme den Ball vom Steffen natürlich gleich auf. Unserer seitheriger Innovationsstandard war ein Plus Energie Gebäude als ein Gebäude, das mehr Energie produziert, als es für den Eigenbedarf benötigt. Aber wir haben nur die Energieerzeugungsseite betrachtet. Steffen hat schon erwähnt jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Wir machen das Plus Energie Haus in die nächste Generation treiben, aber wir speichern auch unsere Energie selber. Wir denken jetzt auch nicht nur an dieses Gebäude, wir denken schon weiter. Wir würden gerne natürlich eine komplette Campuslösung bauen, einen kompletten Campus für uns, energieunabhängig von Dritten herzustellen. Wir versorgen uns selber, schicken die Energie von Gebäude zu Gebäude. Das sind die Themen, die uns treiben, wenn wir über zukunftsfähige Systeme nachdenken.

27:04:00: Marie: Und Zukunft ist ein gutes Stichwort. Ihr habt gesagt, es liegt noch einiges an Arbeit vor uns. Aber wenn wir jetzt mal ins Jahr 2029 voraus springen und die ganze Arbeit hinter uns liegt. Steffen, THE NEW 22 ist fertig. Was siehst du vor dir?

27:22:00: Steffen: Hoffentlich zufriedene Nutzer, die sagen: cool, was da erreicht wurde und das ist das eine, weil für die bauen wir das Haus. Das zweite ist, hoffe ich, dass wir die Branche ein ganzes Stück weitergebracht haben, mit neuen Innovationen, die in anderen Gebäuden eingesetzt wird. Nicht nur durch uns, dass wir die beraten und planen, sondern dass sie vielleicht auch zum neuen Standard der Branche im Generellen wird. Und das Dritte ist, denke ich, das gehört auch dazu beim guten Projektmanager. Wir werden Ideen haben, die haben wir nicht realisiert und die war nicht so gut und der Thomas und ich haben schon wieder die Basis dann vielleicht für das nächste Gebäude in 29.

27:56:00: Marie: Also wie ihr beide lächelt, es können ja unsere Zuhörenden nicht sehen, passiert das, glaube ich, auf alle Fälle. Thomas, wenn du an 2029 denkst und vielleicht so an die offizielle Eröffnung auch was hast du da für Gedanken zu, was macht es mit dir?

28:10:00: Thomas: Ja, ich freue mich wahnsinnig heute schon auf die Fertigstellung. Wir haben im Gebäude OWP12 mehrere hundert Gäste begrüßen dürfen, die alle gekommen sind, um zu gucken wie geht das? Wie funktioniert das, was er gebaut habt? Und wir haben das gleiche Ziel, auch nach Fertigstellung des Neubaus unseren Kunden vor Ort zu zeigen, wie Innovation funktioniert, wie ein zukunftsfähiges Gebäude aussieht, das ist unsere Zielsetzung: Lächeln bei unseren Kunden, ein Lächeln bei unseren Mitarbeitern.

28:37:00: Marie: Es ist ein sehr, sehr schönes Abschlusswort von dir, Thomas. Ich danke euch beiden für die spannenden Einblicke, die ihr uns in dieser frühen Phase des Projektes gegeben habt. Und eins ist klar: THE NEW 22 zeigt eindrucksvoll, wie wir bei Drees & Sommer Innovation, Nachhaltigkeit, aber auch Verantwortung mit höchstem Qualitätsanspruch verbinden, bei uns selbst und letztendlich für unsere Kunden. Und wenn Sie, liebe Zuhörende, mehr über das Projekt erfahren wollen, dann schauen Sie doch gerne auf unserer Website vorbei. Alle Infos und Kontaktmöglichkeiten finden Sie wie immer in unseren Shownotes. Bis dahin, bleiben Sie wie wir neugierig und denken Sie daran: Die Zukunft ist das, was wir daraus machen. Bis zum nächsten Mal bei Blue Waves, dem Podcast für die Bau und Immobilienwelt von Drees & Sommer.

Über diesen Podcast

Blue Waves – der Podcast für die Bau- und Immobilienwelt.

Lauschen Sie den fachlich-persönlich geführten Gesprächen mit verschiedenen Expertinnen und Experten. Angenehm praxisnah, verpackt in Geschichten und Erfahrungen.

Wir von Drees & Sommer sprechen über die faszinierende Welt der Gebäude, Infrastruktur, Industrie und Stadtentwicklung. Es ist egal, ob Sie ein Branchenkenner sind oder einfach nur neugierig auf die Welt, die uns umgibt. Für jedes Ohr ist etwas dabei!

Viel Spaß beim Hören.

von und mit Drees & Sommer

Abonnieren

Follow us